Früher Abfall der Androgenspiegel bei gesunden erwachsenen Männern:
Steht dahinter ein Effekt des Alterns per se?

Hintergrund

Die Androgenspiegel nehmen bei Männern mit dem Altern nachweislich ab. Andererseits besteht im Einzelnen kein Konsens über die Effekte des Alterns an sich, (die Veränderungen) des Body Mass Index (BMI), der Lebensstilfaktoren und von interkurrenter Krankheit.

Zielsetzung
Die Untersuchung diente dem Ermessen longitudinaler Veränderungen der Serum-Androgenspiegel bei gesunden Männern in Relation zur Körperzusammensetzung, zu Lebensstilfaktoren und zu interkurrenter Krankheit.

Patienten und Methoden
Die longitudinale, bevölkerungsbasierte Geschwisterpaarstudie an einem universitären Forschungszentrum umfasste 999 gesunde Männer im Alter von 24 bis 46 Jahren. Von ihnen wurden 691 nach einem mittleren Abstand von 12 Jahren neu bewertet.

Im Einzelnen wurden Messungen der Spiegel des sexualhormonbindenden Globulins (SHBG), des Luteinisierungshormons (LH) und des follikelstimulierenden Hormons mittels Immun-Assays, sowie des Gesamttestosterons (TT), des Östradiols (E2), des Dihydrotestosterons (DHT) und des Androstendions (Adion) mittels Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung wie auch das berechnete freie Testosteron (cFT) bewertet.

Spiegel des Gesamt- und berechneten freien Testosterons
Im Studienverlauf nahm der TT-Spiegel bei den 691 (76,3%) bewerteten Teilnehmern jährlich um 0,85% ab und summierte sich nach 12 Jahren auf 14,2% (p <0,001).

Zu Baseline hatten 1,6% der Studienteilnehmer einen TT-Spiegel unterhalb des spezifischen Schwellenwerts für junge Männer von 9,3 nmol/l. Beim Follow-up nach 12 Jahren waren es 4,8% der Studienteilnehmer.

Als Faktoren, die zu einer deutlich markanteren Abnahme des Gesamttestosterons führen, wurden eine Erhöhung des BMI im Analysezeitraum und ein hoher Alkoholkonsum identifiziert. Andererseits hatten die Intensität körperlicher Aktivität zu Baseline, interkurrente Krankheit und der Raucherstatus keinen Einfluss auf die Abnahme des Gesamttestosterons (p >0,05).

Im Verlauf von 12 Jahren sank der cFT-Spiegel bei den bewertbaren 691 Teilnehmern um 1,31%. Eine Abnahme betraf 80,8% der Männer und summierte sich auf 19,1% (p <0,001).

Es wurden keine Zusammenhänge mit Veränderungen des BMI ermittelt (p >0,05); ebenso wenig mit Rauchen, interkurrenter Krankheit und körperlicher Aktivität (alle p >0,05). Anders war das bei starken Trinkern im Vergleich mit moderaten Trinkern, ihr cFT-Abfall war im Vergleich mit moderaten Trinkern und mit Männern, die keinen Alkohol konsumierten, deutlich stärker ausgeprägt (p=0,003 bzw. p=0,001).

Eine stärker ausgeprägte Abnahme des TT- wie auch des cFT-Spiegels standen mit einem stärkeren Anstieg des LH-Spiegels in Verbindung (β = -6,73, p=0,023 bzw. β = -0,18, p <0,001). Auch in Analysen, bei denen nur diejenigen Teilnehmer berücksichtigt wurden, die zu beiden Zeitpunkten anwesend waren, blieb der Abfall der TT- und cFT-Spiegel signifikant (p <0,001).

Dihydrotestosteron- und Androstendionspiegel
Mit der Zeit sank der Serum-DHT-Spiegel um 15,6% (p <0,001) bei einer jährlichen Abnahme um 1,03%. Verstärkt wurde der Abfall durch einen Anstieg des BMI während des Follow-up (p <0,001) oder übermäßigen Alkoholkonsum (p=0,045).

Adion fiel mit der Zeit um 10,7% ab (p <0,001). Pro Jahr waren das 0,65%. Die Abnahme wurde nicht durch (Veränderungen) BMI, körperlicher Aktivität, interkurrenter Krankheit oder Trinkgewohnheiten modifiziert. Bei Rauchern wurde eine im Laufe der Zeit stärker ausgeprägte Abnahme der Adion-Spiegel gemessen (p=0,015).

Weitere Sexualsteroide und Gonadotropine
Der SHBG-Spiegel nahm im Laufe der Zeit um 3,0% zu. Eine Erhöhung des BMI bremste das Ansteigen.

Der E2-Spiegel blieb über die Zeit stabil.

Der LH-Spiegel nahm mit der Zeit um 5,8% zu (p <0,001). Dies war durch den Raucherstatus, den Alkoholkonsum, interkurrente Krankheit, den Grad der körperlichen Aktivität, oder Veränderungen des BMI nicht beeinflusst (alle p >0,05).

Der FSH-Spiegel stieg mit 1,36% jährlich um 14,7% im Studienzeitraum an
(p <0,001). Bei interkurrenter Krankheit während des Follow-up verlangsamte sich der Anstieg des FSH-Spiegels (p=0,023).

Kernaussagen
 
❏ Dass Serumandrogenspiegel bereits früh während des Erwachsenenlebens und unabhängig von Veränderungen des BMI und anderer Lebensstilfaktoren abzufallen beginnen, spricht dafür, dass Altern an sich zu einer Veränderung des Sexualsteroidstatus führt.

❏ Angesichts des simultanen Anstiegs der Gonadotropinspiegel, rührt der Rückgang des Androgenstatus höchstwahrscheinlich in erster Linie von einer Abnahme der Hodenfunktion her.

   

Literatur:
Banica T, Verroken C, Reyns T, et al. 2021. Early decline of androgen levels in healthy adult men: an effect of aging per se? A prospective cohort study. J Clin Endocrinol Metabol 106:1074-1083.

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