Neue Langzeitdaten stellen den Begriff der „Langzeitstudie“ infrage
Testosterontherapie ist ein Marathon, kein Sprint
Die Wirksamkeit und Sicherheit einer Testosterontherapie (TTh) bei
Männern mit funktionellem Hypogonadismus werden bislang häufig anhand randomisierter
kontrollierter Studien (RCTs) mit Beobachtungszeiträumen von bis zu vier Jahren
beurteilt. Hierzu zählen die Studien TRAVERSE [1], T4DM [2] und die T-Trials [3]. Doch reichen
solche RCTs aus, um langfristige Effekte einer TTh umfassend zu erfassen? Daten
einer seit über 20 Jahre laufenden Registerstudie, die Dr. Karim Sultan Haider auf der
8. Jahrestagung der Androgen Society in Chicago präsentierte4, deuten darauf hin, dass
sich wichtige klinische Effekte einer TTh teilweise erst nach vielen Jahren vollständig
zeigen. So erzielten beispielsweise hypogonadale Männer mit Typ-2-Diabetes unter einer
langfristigen TTh deutlich häufiger eine Remission als jene ohne TTh. Für Urologinnen
und Urologen unterstreichen diese Daten die Bedeutung einer langfristigen TTh.
Oder, wie Haider es formulierte: „Die Testosterontherapie ist ein Marathon, kein Sprint“.
Haider eröffnete seinen Vortrag mit der Frage, wie „Langzeitstudien“ definiert sind und wie
lange sie tatsächlich dauern. Während derzeit maßgebliche RCTs wie TRAVERSE [1], T4DM [2] und die T-Trials [3]
Beobachtungszeiträume von etwa einem bis vier Jahren umfassen, erreichen
Registerstudien inzwischen bis zu 20 Jahre. Nach Ansicht Haiders greift es zu kurz, Studien
mit einer Laufzeit von weniger als zwei Jahren als „Langzeitstudien“ zu bezeichnen [4].
Die präsentierten Daten stammen aus einer deutschen Registerstudie mit Männern mit funktionellem
Hypogonadismus, die bis zu 20 Jahre nachbeobachtet wurden.4 Verglichen wurden
eine mit intramuskulärem Testosteronundecanoat behandelte Gruppe (T-Gruppe, mittleres Alter
57 Jahre; n=430), eine unbehandelte Kontrollgruppe (mittleres Alter 62 Jahre; n=443)
sowie mittels Propensity Score gematchte Teilgruppen (n=239 pro Gruppe). Aufgrund des
observativen Studiendesigns lassen sich daraus zwar keine Kausalitäten ableiten, wohl aber
langfristige Assoziationen und klinische Entwicklungen erkennen, so Haider.
Typ-2-Diabetes: Remission unter langfristiger TTh möglich
Die Patienten wurden im Studienverlauf zwei- bis viermal pro Jahr untersucht. Erfasst wurden
unter anderem Körpergewicht, Bauchumfang, Blutdruck sowie zahlreiche Laborparameter, darunter
Blutzucker, HbA1c, Blutfette und Testosteronspiegel. Innerhalb des ersten Jahres normalisierten
sich unter der TTh erwartungsgemäß die Testosteronspiegel, und die Testosteronmangelsymptome
nahmen ab. Danach blieben diese Parameter über viele Jahre weitgehend
stabil. Effekte auf metabolische Endpunkte zeigten sich hingegen kontinuierlich über einen
deutlich längeren Zeitraum. So nahm das Körpergewicht in der T-Gruppe innerhalb von 18
Jahren von 108 kg auf 81 kg ab und der Bauchumfang reduzierte sich von 113 cm auf 93 cm.
In der Kontrollgruppe nahmen Körpergewicht und Bauchumfang dagegen leicht zu [4,5].
Parallel dazu verbesserten sich langfristig metabolische Marker wie der HbA1c-Wert kontinuierlich.
Besonders auffällig war die Entwicklung bei Männern mit Typ-2-Diabetes: Im Beobachtungszeitraum
von 14 Jahren erreichten 64,5 % der Patienten in der T-Gruppe eine Diabetesremission,
während in der Kontrollgruppe keine Remissionen dokumentiert wurden [4,5].
Auch hinsichtlich sicherheitsrelevanter Endpunkte zeigten sich Unterschiede. Sowohl die Gesamtmortalität
als auch die Prostatakarzinominzidenz waren in der T-Gruppe innerhalb von 14
Jahren signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe. Aufgrund des Beobachtungsdesigns sind
diese Ergebnisse jedoch als Assoziationen und nicht als Beleg eines kausalen Therapieeffekts
zu interpretieren [4,5].
Therapiedauer als entscheidender Faktor des Behandlungseffekts
Für Haider unterstreichen die Registerdaten einen grundlegenden Aspekt der TTh: Sie sei
meist keine kurzfristige Intervention, sondern eine langfristige Behandlung, deren vollständiger
Nutzen sich häufig erst im Verlauf vieler Jahre zeigt. Entsprechend lautete eine der zentralen
Botschaften seines Vortrags: „Die Testosterontherapie ist ein Marathon, kein Sprint. Manche
Behandlungseffekte werden erst nach Jahren sichtbar und messbar“ [4].
Fazit: Die vorgestellten Registerdaten deuten darauf hin, dass wesentliche Effekte einer TTh
über die üblichen Beobachtungszeiträume von RCTs hinausreichen können. Für die Praxis
unterstreicht dies die Bedeutung einer langfristigen Therapie- und Nachbeobachtungsstrategie.
Beobachtungsdaten können zwar keine Kausalität belegen, liefern jedoch wichtige Erkenntnisse
zum langfristigen klinischen Nutzen einer TTh im Versorgungsalltag.
Quellen:
[1] Lincoff AM, et al. 2023. Cardiovascular Safety of Testosterone-Replacement Therapy. N Engl J Med. 389(2):107-117.
[2] Wittert G, et al. 2021. Testosterone treatment to prevent or revert type 2 diabetes in men enrolled in a lifestyle programme
(T4DM): a randomised, double-blind, placebo-controlled, 2-year, phase 3b trial. Lancet Diabetes Endocrinol. 9(1):32-
45.
[3] Snyder PJ, et al. 2016. Effects of Testosterone Treatment in Older Men. N Engl J Med. 374(7):611-24.
[4] Haider K. 2026. Long term treatment: Update. 8th Annual Meeting of The Androgen Society; Vortrag 12.06.2026.
[5] Haider K, et al. 2021. Design and Conduct of a Real-World Single-Center Registry Study on Testosterone Therapy of Men
with Hypogonadism. Androgens: Clinical Research and Therapeutics 2(1):1-17.
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