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ASCO 2026
Neue Daten zu Avelumab beim Urothelkarzinom

Auf dem ASCO Annual Meeting 2026 in Chicago wurden neue Daten zur Erstlinien-Erhaltungstherapie mit Avelumab (BAVENCIO) beim lokal fortgeschrittenen oder metastasierten Urothelkarzinom (la/mUC) sowie zur anti-EGFR-Therapie mit Cetuximab (Erbitux®) beim metastasierten kolorektalen Karzinom (mCRC) vorgestellt. Die präsentierten Ergebnisse stützen in beiden Indikationen einen zunehmend individualisierten Ansatz. Bei Avelumab zeigen die Daten konkret, wie sich die Behandlungssequenz aus platinbasierter Chemotherapie und anschließender Avelumab-Erhaltung differenzierter planen lässt: anhand der Chemotherapie-Dauer, molekularer Expressionsmuster, klinischer Profile und patientenseitiger Therapieziele. Bei Cetuximab erweitern die FIRE-4-Daten die Steuerungsmöglichkeiten: Ein längeres anti-EGFR-freies Intervall war mit einem signifikant längeren Überleben verbunden und könnte die Patientenauswahl für eine erneute anti-EGFR-Therapie in der Drittlinie unterstützen.

Breite und konsistente Datenlage
Die Sequenz aus platinbasierter Chemotherapie und anschließender Erstlinien-Erhaltungstherapie mit Avelumab ist beim la/mUC ein umfassend untersuchtes, in internationalen Leitlinien verankertes Therapiekonzept der Erstlinie [1,2,3]. Die Datengrundlage reicht von der Phase-III-Studie JAVELIN Bladder 100 über Langzeit- und Subgruppenanalysen bis hin zu Real-World-Daten und aktuellen Analysen [4,5,6]. Über diese Evidenzebenen hinweg zeigt sich ein konsistentes Bild: Avelumab plus Best Supportive Care (BSC) verlängerte bei Patientinnen und Patienten ohne Progress nach platinbasierter Chemotherapie das Gesamtüberleben (OS) gegenüber alleiniger BSC signifikant. In JAVELIN Bladder 100 lag das mediane OS über die gesamte Behandlungssequenz aus platinbasierter Chemotherapie und anschließender Avelumab-Erhaltung bei 29,7 Monaten [6].

Kürzere Chemotherapie: vergleichbare Wirksamkeit, bessere Lebensqualität
Die randomisierte Phase-II-Studie DISCUS liefert einen weiteren Ansatzpunkt für eine differenzierte Steuerung der Erstlinie. Sie verglich drei versus sechs Zyklen platinbasierter Chemotherapie mit Gemcitabin plus Cisplatin oder Carboplatin vor der Avelumab-Erhaltung bei 267 Patientinnen und Patienten mit mUC [7,8]. Eine aktuelle explorative Auswertung betrachtet nun auch die globale Lebensqualität getrennt nach Cisplatin- und Carboplatin-Subkollektiv.

Über beide Platinregime hinweg waren die Wirksamkeitsendpunkte nach drei und sechs Zyklen vergleichbar.7 Im Cisplatin-Subkollektiv lag die objektive Ansprechrate (ORR) nach drei Zyklen bei 35% und nach sechs Zyklen bei 29%, das mediane progressionsfreie Überleben (PFS) bei 8,8 versus 8,7 Monaten. Im Carboplatin-Subkollektiv betrug die ORR 16% nach drei und 26% nach sechs Zyklen, das mediane PFS 8,0 versus 9,0 Monate [7].

Deutliche Unterschiede zeigten sich bei der globalen Lebensqualität. In beiden Platinregimen blieb sie unter der kürzeren Chemotherapie besser erhalten als unter sechs Zyklen – im Cisplatin-Subkollektiv statistisch signifikant (mittlere Differenz zwischen den Armen 16,40; 95%-KI: 4,0–28,8; nominaler p-Wert=0,0051), im Carboplatin-Subkollektiv numerisch, ohne das Signifikanzniveau zu erreichen (mittlere Differenz 2,34; 95 %-KI: -7,6 bis 12,3; nominaler p-Wert=0,3211) [7].

Klinisches Profil als Grundlage der Erstlinienentscheidung
Die Patientenperspektive stellt einen zentralen Aspekt bei der Wahl der Erstlinientherapie dar. Eine begleitende Analyse zur partizipativen Entscheidungsfindung (100 Behandelnde, 452 Patientinnen und Patienten) zeigte eine deutliche Diskrepanz zwischen ärztlicher Einschätzung und patientenseitiger Wahrnehmung: Während 42% der Behandelnden angaben, Patientinnen und Patienten in die Therapieentscheidung einzubeziehen, bestätigten dies nur 18% der Betroffenen [10]. Die Ergebnisse sprechen dafür, individuelle Therapieziele, Präferenzen und Nutzen-Risiko-Abwägungen in der gemeinsamen Entscheidungsfindung stärker zu berücksichtigen. Wie eng die Wahl der Erstlinientherapie in der Versorgungsrealität mit dem individuellen Patientenprofil verknüpft ist, zeigt eine zwischen Dezember 2023 und Juli 2024 durchgeführte Querschnittsbefragung von 238 onkologisch tätigen Ärztinnen und Ärzten aus fünf europäischen Ländern (Adelphi Real World Disease Specific Programme). Die Befragten ordneten hypothetischen Patientenprofilen jeweils eine von vier Therapieoptionen zu. Die Sequenz aus platinbasierter Chemotherapie und anschließender Avelumab-Erstlinien-Erhaltung wurde über mehrere Profile hinweg häufig gewählt: bei Lebererkrankung (53%) und Cisplatin-Eignung (52%) jeweils von mehr als der Hälfte der Befragten, zudem bei ausschließlich auf die Lymphknoten begrenzter Metastasierung (48%) sowie bei hoher Tumorlast, Lebermetastasen und hohem Body-Mass-Index (jeweils 47 %) [11].

Über die Therapiewahl hinaus bleibt der Zugang zur systemischen Behandlung ein relevanter Aspekt der Versorgungsrealität. Eine Auswertung der französischen Versorgungsdatenbank SNDS mit 23.235 Patientinnen und Patienten mit mUC (Diagnosezeitraum 2017–2023) zeigt, dass nur 38,2% überhaupt eine systemische Erstlinientherapie erhielten. In der behandelten Subkohorte lag das mediane OS bei 7,2 Monaten, gegenüber 1,1 Monaten bei unbehandelten Patientinnen und Patienten.12 Für Deutschland zeigen aktuelle Real-World-Daten ein vergleichbares Bild: In einer Analyse von 3.226 Patientinnen und Patienten mit mUC erhielten 58,6% keine systemische Therapie; behandelte Betroffene lebten median 13,7–13,8 Monate, unbehandelte nur 3,0–3,6 Monate [13].



Cetuximab-Rechallenge beim RAS-Wildtyp mCRC: neue FIRE-4-Daten zur Patientenauswahl
In der Erstlinie des RAS-Wildtyp mCRC ist die anti-EGFR-Therapie mit Cetuximab plus Chemotherapie fest etabliert [14]. Die randomisierte Phase-III-Studie FIRE-4 (AIO KRK-0114) prüfte in ihrem zweiten Teil die erneute anti-EGFR-Therapie mit Cetuximab (Rechallenge) in der Drittlinie gegenüber der freien Therapiewahl der behandelnden Ärztinnen und Ärzte – bei Patientinnen und Patienten, die in der Erstlinie gut auf Cetuximab angesprochen und in der Zweitlinie eine anti-EGFR-freie Therapie erhalten hatten. Eine aktuelle Auswertung betrachtete den anti-EGFR-freien Abstand bis zur Drittlinie (TIS-3) als möglichen Prädiktor des Therapieerfolgs [15].

In der Drittlinie erreichte die Cetuximab-Rechallenge ein medianes OS von 17,6 versus 15,1 Monaten unter der ärztlichen Therapiewahl (nicht anti-EGFR-basiert) – das bislang längste dokumentierte Gesamtüberleben bei MSS RASwt mCRC in der Drittlinie. Zwar wurde der primäre Endpunkt einer signifikanten Überlegenheit im Gesamtüberleben nicht erreicht (HR 0,89; 95%-KI: 0,56–1,43; p=0,64); das Überleben unter der Rechallenge entsprach jedoch den Erwartungen aus vorangegangenen Phase-II-Studien, [16,17] während der Kontrollarm im historischen Vergleich ungewöhnlich stark ausfiel [18,19]. Die objektive Ansprechrate fiel unter der Rechallenge nahezu dreimal so hoch aus (ORR 26,7% vs. 9,3%; OR 0,28; 95%-KI: 0,08–0,96; p=0,052), das mediane PFS betrug 5,8 versus 4,6 Monate (HR 0,89; 95%-KI: 0,58-1,36; p=0,59) [15].

Im Mittelpunkt der gezeigten Analyse auf dem ASCO 2026 stand der anti-EGFR-freie Abstand: Ein längeres Intervall zur vorangegangenen anti-EGFR-Therapie war über beide Studienarme hinweg mit einem signifikant längeren Überleben verbunden (OS 19,6 vs. 12,2 Monate bei einem TIS-3 von mehr als 13,6 gegenüber weniger als 13,6 Monaten; HR 0,57; p=0,018). Am deutlichsten profitierte der Cetuximab-Rechallenge-Arm: Hier verlängerte sich das PFS signifikant auf 7,4 gegenüber 4,3 Monate (HR 0,47; 95%-KI: 0,25–0,89; p=0,017), das OS lag bei 20,0 gegenüber 12,6 Monaten (HR 0,64; p=0,19). Bereits ein anti-EGFR-freies Intervall von mindestens neun Monaten erwies sich als klinisch nutzbarer Schwellenwert (OS 17,6 vs. 9,0 Monate; HR 0,54; p=0,018) [15].

Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass die anti-EGFR-Rechallenge mit Cetuximab eine valide Behandlungsoption in der Drittlinie des RAS-Wildtyp mCRC darstellt. Der anti-EGFR-freie Abstand bietet dabei möglicherweise ein einfaches, im Praxisalltag verfügbares Kriterium, um die Patientinnen und Patienten zu identifizieren, die am stärksten von der Cetuximab basierten Rechallenge profitieren.

Fazit
Die beim ASCO 2026 präsentierten Daten verdeutlichen, dass die Erstlinientherapie beim la/mUC zunehmend differenziert geplant werden kann – Patientenzentrierte Therapieentscheidung – anhand des klinischen Profils, der Präferenzen der Patientinnen und Patienten, molekularer Marker, der Lebensqualität sowie der Dauer der platinbasierten Chemotherapie. Die Avelumab-Erstlinien-Erhaltung lässt sich entlang dieser Kriterien individuell einordnen; ihr Überlebensvorteil zeigt sich dabei unabhängig vom Expressionsstatus.

Auch beim RAS-Wildtyp mCRC erweitern die FIRE-4-Daten die Steuerungsmöglichkeiten: Die erneute anti-EGFR-Therapie mit Cetuximab erweist sich – insbesondere bei längerem (> 9 Monaten) anti-EGFR-freiem Intervall – als valide Behandlungsoption in der Drittlinie.

Presseinformation der Merck Healthcare Germany GmbH

Literatur:
[1] Powles T et al. Ann Oncol 2022;33(3):244–258; ESMO eUpdate – Advanced Urothelial Carcinoma Treatment Recommendations. Verfügbar unter: www.esmo.org/guidelines/eupdate-advanced-urothelial-carcinoma-treatment-recommendations.
[2] Powles T et al. Ann Oncol 2024;35(6):485-490; ESMO Clinical Practice Guideline interim update on first-line therapy in advanced urothelial carcinoma.
[3] European Association of Urology. EAU Guidelines. Edn. presented at the EAU Annual Congress London 2026. ISBN 978-94-92671-32-5. Verfügbar unter: https://uroweb.org/guidelines/muscle-invasive-and-metastatic-bladder-cancer/chapter/citation-information
[4] Goebell J et al. Real-world effectiveness and safety of Avelumab first-line maintenance treatment in patients with locally advanced or metastatic urothelial carcinoma: second interim analysis of the AVENUE study. Abstract Nr. 706. ASCO GU 2025
[5] Powles T et al. N Engl J Med 2020;383:1218–1230.
[6] Sridhar SS et al. J Clin Oncol 2023;41(suppl 6):508.
[7] Hussain S et al. Comparison of cisplatin/gemcitabine or carboplatin/gemcitabine on efficacy, toxicity, quality of life from the randomised DISCUS trial. Poster, Abstract 4583. ASCO (2026).
[8] Grande E et al. DISCUS: A phase II study comparing 3 vs 6 cycles of platinum-based chemotherapy prior to maintenance avelumab in advanced urothelial cancer. Präsent. LBA109 ESMO (2025).
[9] Klümper N et al. Outcomes with first-line platinum-based chemotherapy and avelumab first-line maintenance in locally advanced or metastatic urothelial carcinoma by NECTIN4 and HER2 RNA expression: exploratory analyses from JAVELIN Bladder 100. Poster, Abstract 4575. ASCO (2026).
[10] Kearney M et al. Shared treatment decision-making between physicians and their patients with metastatic urothelial carcinoma: results of a real-world survey in Europe and the United States. eAbstract e16581. ASCO (2026).
[11] Unsworth M et al. Individualizing first-line treatment choices in metastatic urothelial carcinoma (mUC): results from a cross-sectional study of physicians in Europe. eAbstract e16579. ASCO (2026).
[12] Barthélemy P et al. Survival and treatment patterns of patients with metastatic urothelial cancer in France: results of a cohort study using the French National Healthcare database (SNDS). Poster, Abstract 4610. ASCO (2026).
[13] Niegisch G, Grimm M-O, Hardtstock F, et al. Treatment patterns and clinical outcomes in metastatic urothelial carcinoma: a German retrospective real-world analysis. Future Oncol 2024;20(19):1351–1366.
[14] Cervantes A et al. Ann Oncol 2023;34(1):10–32.
[15] Weiss L et al. FIRE-4 (AIO KRK-0114): efficacy of 3rd-line rechallenge with cetuximab versus investigator's choice in relation to the interval between initial and 3rd-line anti-EGFR therapy. Poster, Abstract 3575. ASCO (2026).
[16] Cremolini C et al. JAMA Oncol 2019;5(3):343–350.
[17] Sunakawa Y et al. JCO Precis Oncol 2020;4:898–911.
[18] Mayer RJ et al. N Engl J Med 2015;372:1909–1919.
[19] Prager GW et al. N Engl J Med 2023;388:1657–1667.

DE-MULO-00056; erstellt 06/2026


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