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Andrologie
Highlights vom ESHRE-Kongress 2026


Der „proof of principle“ beim Menschen

Der „proof of principle“ beim Menschen ist gelungen: Nach autologer Transplantation von immaturem Hodengewebe wachsen und reifen die Gewebeproben. In zwei intratestikulären Grafts wurde die Spermatogenese in Gang gesetzt und nach Entnahme Spermatozoen gewonnen.

Ob diese Eizellen fertilisieren können, ist noch unklar, wie Professorin Ellen Goossens aus Brüssel bei der ESHRE-Jahrestagung in London ausführte. Die transplantierten Gewebefragmente waren zuvor 17 Jahre lang kryokonserviert. Bei der geplanten Entfernung nach einem Jahr erschienen die subkutanen skrotalen Transplantate stärker fibrotisch als die intratestikulären. Eines der Explantate wurde mechanisch und enzymatisch behandelt – und Spermatozoen nachgewiesen. Spermatogoniale Stammzellen wurden in zwei von vier intratestikulären Transplantaten identifiziert, in den subkutanen Explantaten fanden sich nur Sertoli-Zellen https://doi.org/10.64898/2026.03.04.263474839.

Bisher noch negativ ist das Ergebnis zwei Jahre nach der ersten Infusion von spermatogonialen Stammzellen (SSC) mit somatischen Zellen bei einem ehemaligen Osteosarkom-Patienten. Wie Professor Kyle Ortwig aus Pittsburgh berichtete, zeigte sich weiterhin eine Azoospermie mit dem gleichzeitigen Nachweis von Rundzellen im Ejakulat, die möglicherweise als Präkursoren vom Spermatogonien zu werten sind.

Das Problem: Im immaturen Hodengewebe sind nur sehr wenige SSC vorhanden, und bisher lassen sie sich nicht vermehren. Zudem ist nicht bekannt, wie lange die Repopulation der Samenkanälchen mit Stammzellen dauert. „Vielleicht ist einfach mehr Geduld nötig“, so der Referent. Nach einer Stammzell-Transplantation könne es vier bis fünf Jahre dauern, bis die Spermatogenese wieder in Gang kommt.

Neues und Altes zur Selektion von Spermien

Endgültiges Aus für die PICSI? Die Schwangerschafts- und Geburtenrate steigt nicht oder kaum an, wenn Spermien eingesetzt werden, die über ihre Fähigkeit zur Bindung an Hyaluronsäure selektiert wurden. Nach einer Metaanalyse „vertrauenswürdiger“ RCTs könnte dadurch aber die Abortrate reduziert werden (RR 0,59, 95%CI 0,44-0,80) (P-070).

Für einen routinemäßigen DFI-Test (Defragmentationsindex der Spermien-DNA) von Spermien votieren chinesische Kliniker nach der Auswertung von 5.637 ART-Zyklen: Bei einem DFI von 38% und mehr (SCSA) lag das Risiko für embryonale Aneuploidien signifikant höher als bei einem DFI-Wert von 24,4% (aOR 1,325, 95% CI 1,101-1,808). Bei älteren Partnerinnen (>35 Jahre) war der negative Effekt noch ausgeprägter (O-026).

Für die Bestimmung von Doppelstrangbrüchen der Spermien-DNS wollen die Andrologen um Gianpiero Palermo in New York anstelle des subjektiven und aufwendigen COMET-Assays lieber die TUNEL-Methode und einen Immunfluoreszenz-Test einsetzen. Bei ersten Tests wurden jeweils 500 Spermien gescreent und mit den ICSI-Ergebnissen korreliert. Demnach scheinen Spermien nach Selektion per Immunoassay eher mit euploiden Embryonen und normaler Embryonalentwicklung korreliert – was an größeren Fallzahlen zu validieren bleibt (O-024).

Mit Microfluidics experimentieren Forscher aus Valencia bei der Spermienauswahl. Um mechanischen Stress wie bei der Zentrifugation zu vermeiden, testen sie als Prinzipien Rheotaxis und Thermotaxis, um Spermien ohne Einzel- und Doppelstrangbrüche – also von hoher DNA-Integrität - zu gewinnen. In die präliminäre Studie gingen allerdings nur zehn Samenproben ein (P-046).

NOA und die Suche nach nicht-invasiven Prognosemarkern

Auf der Suche für nicht-invasive Prognosefaktoren für den Erfolg einer TESE haben chinesische Wissenschaftler in Changsa retrospektiv ihre Daten von fast 300 Patienten mit nicht-obstruktiver Azoospermie (NOA) analysiert: Mit einer Kombination aus endokrinen Parametern, AZF-Untersuchungen und aufwendigen genetischen Tests (Next Generation Sequencing, Exomdiagnostik) und Biomarkern des Seminalplasmas (multidimensionales Evaluationssystem, klinisches Labor, multi-Omincs) scheine das zu gelingen (P-043).

Eine spezifische Genmutation, die in der Seminalflüssigkeit zu detektieren ist, hat es dem New Yorker Team von Prof. Zev Rosenwaks angetan. Die Mutation stört die Meiose, sie induziert wohl in den Samenkanälchen eine Apoptose der Keimzellen. Bei NOA-Männern könnte deshalb in Zukunft ein epigenetisches Screening auf die NEU1-Mutation nicht-invasiv erfolgen und frustrane TESE-Eingriffe vermieden werden (O-284). Zudem fand sich eine Korrelation mit TPTE2, einem testis-spezifischen Gen (O-180). Es ist unklar, ob die beiden Gene direkt die Spermatogenese beeinflussen oder nur assoziiert sind mit einer Azoospermie, so das Team.

Mit KI schneller die Nadel im Heuhaufen finden?

Eine massiv verkürzte Zeit für die Suche nach einzelnen Spermien in TESE-Proben und eine höhere Ausbeute – diese Hoffnung nährt für US-Kliniker ein spezifischer kommerzieller Microwell-Array mit KI-gestützter Einzelzell-Auswertung. In der Erprobungsphase fanden sich bei „negativen“ Proben, die verworfen werden sollten, teilweise nach sehr kurzer Suchzeit noch Spermien – mit unbekanntem Fertilisationspotenzial (O-178).

Schlechte Noten: Fertilitäts-Apps für den Mann

Limitiert vorhanden und von schlechter Qualität, das charakterisiert Apps zur reproduktiven Gesundheit von Männern. Nur wenige liefern relevante Features oder aber verständliche Ratschläge zu den spezifisch männlichen Fruchtbarkeits-„Nöten“. Und das, obwohl männliche Faktoren für fast die Hälfte der Fertilitäts-Probleme mit verantwortlich sind, beklagen Mitarbeiter des University College London, nach Sichtung des UK Apple App Store und des Google Play Store im Juni 2025. Berücksichtigt wurden nur Apps, die kein Geld kosteten und frei zugänglich waren. Von 199 Apps blieben dann nur elf übrig. Acht fokussierten auf die Rolle des Mannes bei und während der Schwangerschaft. Nur drei adressierten direkt die Fertilität des Mannes (Heimtest Spermiendichte, Samenanalyse) und daraus resultierende Tipps für den Lebensstil (P-014).

Luftverschmutzung verändert Fruchtbarkeitsgene

Luftschadstoffe (Ozon, NO2, Feinstaub) können eine veränderte Methylierung von Genen bewirken, die bei der Spermatogenese eine Rolle spielen. Sowohl hyper- als auch hypomethylierte Assoziationen beschreiben US-Forscher bei dieser Unterstudie des FAZST-Trials (Folsäure und Zink-Supplementierung, Schisterman JAMA 2020;323:35-48) bei 1.220 Männern in Utah nach sechsmonatiger Exposition. Betroffen war auch ein Gen, das dem paternalen Imprinting unterliegt (GNAS). Die epigenetischen Veränderungen sind erstmals beschrieben, so Professor Hans-Christian Schuppe aus Gießen. Völlig unklar sind die möglichen Auswirkungen der veränderten Genexpression auf die Fertilität der Männer selbst und ihrer potenziellen Kinder (O-205), so der Androloge bei der „Reprofacts“ in Frankfurt.

„Western diet“ schlecht für Spermien

Nicht wirklich überraschend: Eine gesunde Ernährung mit Vollkorn, Früchten, Gemüse, Nüssen, Fisch und wenig prozessierten Lebensmitteln, rotem Fleisch und Zuckerzusätzen ist auch für die Fertilität „gesünder“: Bessere Sperma-Parameter und Hormonwerte ergab eine Studie bei 3.790 unselektierten jungen Dänen (Rekruten). Der ungesunde westliche Lebensstil war assoziiert mit geringerem Werten für Samenvolumen und Dichte. Fritten und prozessiertes Fleisch waren invers verknüpft mit dem Volumen, Pizza mit der Konzentration (O-203).

Chronischer „Darm“ schlägt auch auf Fertilität

Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen ist eine verminderte Samenqualität beschrieben. Morbus Crohn und Colitis ulcerosa schädigen wohl über ihre Entzündungsmediatoren auch die Fertilität: Im Mausmodell haben Forscher aus Hongkong ein entzündliches Infiltrat in den Hoden nachgewiesen, was dem testikulären Altern Vorschub leistet und zu einer gestörten Spermatogenese führt (O-084).

Infertilität als Indikator für spätere Probleme

Assoziation erneut bestätigt: Männer mit Fertilitäts-Problemen laufen ein signifikant höheres Risiko als fertile Männer, im Verlauf ihres Lebens eine Krebs-Erkrankung zu entwickeln. Eine Kohortenstudie in Australien ergab ein substanziell höheres Risiko für Hodenkarzinome und Non-Hodgkin-Lymphome sowie ein erhöhtes Risiko für Kolonkarzinome und bösartige Tumore insgesamt (O-083).

Krebserkrankungen in Kindheit und Jugendzeit lassen die Fruchtbarkeit nicht immer unbeeinflusst: Im Vergleich mit der Normalbevölkerung weist eine populationsbasierte Langzeitstudie in Schweden weniger eigene Kinder aus. Dieser Effekt war bei Männern bis 45 Jahre stärker ausgeprägt als bei Frauen. Bei der Familienplanung war häufiger medizinische Hilfe in Form assistierter Reproduktion nötig (O-034).

Überraschende Einflüsse bei Eizellspende

Das Alter der Frau ist limitierend für den Erfolg einer ART-Behalndlung – das gilt auch bei einer Eizellspende. Dabei werden zwar Oozyten von jungen Frauen eingesetzt. Hat die Empfängerin jedoch die 49 Jahre überschritten, sinken die Geburtenraten, und Aborte steigen an. Damit dürfte selbst beim „social freezing“ ein oberes Alterslimit bestehen – auch wenn eigene junge Eizellen eingesetzt werden. Das betonen italienische Mediziner aufgrund einer retrospektiven Auswertung von 2.760 Single-Blastozysten-Transfers (O-021).

Ein höheres Alter des Mannes wiederum wirkt sich auch bei Zyklen mit gespendeten Eizellen negativ auf die Blastozystenrate aus und führt zu verminderten Geburtenraten pro Zyklus. Dieses Resultat haben spanische Reproduktionsmediziner bei der Analyse von 1.021 IVF-Eizellspende-Zyklen mit Transfer einer einzelnen Blastozyste (O-025) erhoben.

Der ungünstige Effekt eines höheren paternalen Alters bei der ICSI wiederum kann durch qualitativ hochwertige Eizellen ausgeglichen werden. Wie brasilianische Ärzte mit Hilfe eines Eizell-Scorings per künstlicher Intelligenz bei 3.696 ICSI-Zyklen zeigen konnten, ist in erster Linie die „Reparatur-Maschinerie“ der Eizelle für die korrekte Befruchtung und Embryonalentwicklung ausschlaggebend. Doch auch das paternale Alter fordert seinen Preis, wenn die Eizelle nicht „Güteklasse A“ ist (O-022).

Bericht: Dr. Renate Leinmüller, Wiesbaden

Quelle: ESHRE 42nd Annual Meeting, London, United Kingdom, 5-8 July 2026, https://academic.oup.com/humrep/issue/41/Supplement_1



August 2026

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