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Varikozele und unbehandelter Hypogonadismus erhöhen synergistisch das Prostatakarzinomrisiko

Hintergrund

Mehrere klinische Studien belegen, dass eine Testosteronersatztherapie (TRT) bei sorgfältig ausgewählten hypogonadalen Männern mit Prostatakrebs sicher ist. Zudem haben weitere Studien gezeigt, dass hypogonadale Männer unter TRT im Vergleich zu eugonadalen Männern ein signifikant geringeres Risiko für die Entwicklung eines metastasierten Prostatakarzinoms aufweisen. Ein venöser Shunt, bei dem testosteronreiches Blut vom Hoden in den dorsalen Venenkomplex gelangt, tritt bei etwa 20% der Männer auf und wird mit dem Fortschreiten von Prostatakarzinomen in Verbindung gebracht. Verantwortlich dafür ist oft eine Varikozele, die den normalen Blutfluss stört und testosteronreiches Blut auf direktem Weg zur Prostata fließt. Durch eine TRT wird die eigene Testosteronbildung in den Hoden gestoppt und der direkte Testosteron-Nachschub zur Prostata versiegt. Aktuell stellten die Forscher eine Hypothese auf, dass eine TRT das Risiko für ein neu auftretendes Prostatakarzinom bei Männern senkt, die sowohl an Hypogonadismus als auch an einer Varikozele leiden und bei denen eine Testosteron-Shunt-Physiologie vorliegen könnte. Diese Studie untersuchte wie sich diese Faktoren auf das Risiko für ein Prostatakarzinom gegenseitig beeinflussen und wie sich eine Behandlung mittels TRT oder Varikozelektomie auf dieses Risiko auswirkt.

Teilnehmer/Methoden

Die Analyse umfasste 75.673 Männer mit einer Varikozele sowie zwei Kontrollgruppen: Eine gematchte Kohorte aus der Allgemeinbevölkerung (62.106 Männer) und eine Patientengruppe mit gutartigen Hodenerkrankungen wie Hydrozele oder Spermatozele (74.175 Männer). Das mediane Alter lag in allen Gruppen bei 54 Jahren. Bei Männern mit Varikozele war die Beobachtungszeit länger (3,0 bis 4,7 Jahre).

Die Zeit bis zur Diagnose eines Prostatakarzinoms wurde mithilfe von Cox-Regressionsmodellen (Proportional-Hazards-Modelle) analysiert, bereinigt um Faktoren wie Alter, Adipositas, Familienanamnese, Hypogonadismus-Status, Testosterontherapie und Varikozele-Status. Zudem wurde ein Interaktionsterm zwischen Varikozele und Hypogonadismus in die Analyse einbezogen.

Ergebnisse

Bei den insgesamt 149.848 Männern (75.673 mit Varikozele und 74.175 Kontrollpersonen mit skrotalen Erkrankungen) war eine Varikozele mit einer höheren Inzidenz von Prostatakarzinomen (p <0,01) und Hypogonadismus (p <0,01) assoziiert (Abb.). In den bereinigten Modellen war die Varikozele alleine nicht mit dem PCa-Risiko assoziiert (HR: 1,04; p=0,18), wohingegen unbehandelter Hypogonadismus mit einem moderaten, aber statistisch signifikanten Anstieg des Risikos für ein Prostatakarzinom einherging (p <0,01). Männer, die sowohl eine Varikozele als auch einen unbehandelten Hypogonadismus aufwiesen, hatten das höchste Risiko für die Entwicklung eines Prostatakarzinoms (HR: 1,31; p <0,001) (Abb.).

Abb.: Kaplan-Meier-Kurven zur Darstellung der Inzidenzfreiheit von neu aufgetretenem Prostatakrebs bei Männern, stratifiziert nach Hypogonadismus- und Varikozele-Status. Kontrollpersonen mit anderen skrotalen Pathologien sind blau, Fälle mit Varikozele orange dargestellt. Bei Männern mit Varikozele erhöht unbehandelter Hypogonadismus das Risiko für Prostatakrebs erheblich. Während Männer ohne Hypogonadismus (durchgezogene Linien) unabhängig vom Varikozele-Status ein ähnliches prostatakrebsfreies Überleben aufweisen, vergrößert sich der Abstand bei den Untergruppen mit Hypogonadismus. Männer mit unbehandeltem Hypogonadismus und Varikozele (orange gepunktete Linie) weisen die geringste Freiheit von neu aufgetretenem Prostatakrebs auf, was auf einen synergistischen Effekt hindeutet. Umgekehrt mildert eine TRT dieses erhöhte Risiko ab, wie das bessere Überleben von Männern mit Hypogonadismus unter Testosterontherapie (gestrichelte Linien) zeigt. Diese Ergebnisse unterstreichen die modifizierende Rolle des Hormonstatus und stützen einen Mechanismus, bei dem testikuläres Testosteron über Shunts, die durch das Vorhandensein einer Varikozele verstärkt werden, in den Blutkreislauf der Prostata gelangt.
 

Männer mit einer Varikozele litten signifikant häufiger an unbehandeltem Hypogonadismus im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung (13,3% vs. 6,0%) und zur Gruppe mit gutartigen Hodenerkrankungen (13,3% vs. 11,2%).

Im Vergleich zur gesunden Allgemeinbevölkerung zeigten eugonadale Männer mit einer Varikozele ein signifikant erhöhtes Risiko für Prostatakrebs (HR: 1,565). Unbehandelter Hypogonadismus steigerte das Risiko unabhängig von einer Varikozele ebenfalls (HR: 1,547). Das höchste Risiko wiesen Männer auf, bei denen sowohl eine Varikozele als auch ein unbehandelter Hypogonadismus vorlagen (HR: 1,982).

Der Vergleich mit der Gruppe gutartiger Hodenerkrankungen zeigte nach Bereinigung um Störfaktoren, dass die Varikozele allein nicht mehr statistisch unabhängig mit einem erhöhten Prostatakrebsrisiko assoziiert war (HR: 1,038; p=0,177).

Synergistischer Effekt und Testosteron-Shunt
Unbehandelter Hypogonadismus blieb ein unabhängiger Risikofaktor (HR: 1,266). Traten Varikozele und unbehandelter Hypogonadismus zusammen auf, zeigte sich eine synergistische Risikoerhöhung (HR: 1,314). Wurde der Hypogonadismus jedoch therapiert, sank das Risiko wieder auf das Niveau der Kontrollgruppe (HR: 0,834). Dies stützt die Hypothese eines „Testosteron-Shunts“: Die Unterdrückung des testikulären Testosterons durch eine TRT verringert die Androgenzufuhr zur Prostata und senkt so das Krebsrisiko bei Varikozele-Patienten.

Eine Sekundäranalyse, die Männer ab 65 Jahren ausschloss, bestätigte die Ergebnisse der Primäranalyse bei jüngeren Männern vollumfänglich.

Einfluss einer Varikozelektomie
Eine Subanalyse von 2.040 Männern, die sich einer Varikozelektomie unterzogen, deutete auf ein geringeres Prostatakrebsrisiko hin. Nach Bereinigung um alle Kovariaten verlor dieser Effekt jedoch seine statistische Signifikanz (HR: 0,802; p=0,104). Ein definitiver Schutzeffekt konnte nicht belegt werden, die Tendenz stützt jedoch den vermuteten biologischen Mechanismus und erfordert weitere Untersuchungen.

Zusammenfassung
Eine Varikozele erhöht das mit unbehandeltem Hypogonadismus verbundene Risiko ein Prostatakarzinom zu entwickeln. Eine TRT und möglicherweise eine Varikozelektomie schwächen diesen Effekt ab.

Diese Studie stützt die Annahme, dass venöser Shunt von testosteronreichem Blut aus dem Hoden in den dorsalen Venenkomplex bei Vorliegen einer Varikozele, auch bei Hypogonadismus eine Rolle spielt.

Aufgrund dieser Ergebnisse könnte ein diagnostischer Test zur Identifizierung von Männern mit Testosteron-Shunt-Physiologie entwickelt werden und durch eine TRT möglicherweise die Entstehung oder das Fortschreiten von Prostatakrebs in frühen Stadien verhindern (ausgenommen Patienten, die eine Androgenentzugstherapie benötigen).

Weitere Studien, ob eine Varikozelektomie vor Prostatakrebs schützt und ob sie bei Fehlen von Hodenschmerzen oder Fruchtbarkeitsproblemen durchgeführt werden sollte, könnten in Erwägung gezogen werden.

Literatur:
Naelitza BD, et al. 2026. Varicocele and Untreated Hypogonadism Synergistically Increase Prostate Cancer Risk via Testosterone Shunt Physiology and Can Be Ameliorated With Testosterone Therapy. Urology 213, 151–156.
September 2026 Drucken Red.
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