Longitudinale Beziehungen zwischen reproduktiven Hormonen und kognitivem Abbau

Hintergrund

Obwohl bereits in einigen longitudinalen Studien bei älteren Männern die prädiktiven Zusammenhänge zwischen den Ausgangswerten reproduktiver Hormone und nachfolgendem kognitiven Abbau untersucht worden sind, ist die Assoziation zwischen abnehmenden Hormonspiegeln und der kognitiven Leistungsfähigkeit noch nicht hinreichend klar [1].

Zielsetzung
In einer longitudinalen Studie wurde die zeitliche Beziehung zwischen veränderten Konzentrationen hauptsächlicher reproduktiver Hormone und kognitivem Abbau bei älteren Männern umfassend untersucht [2].

Patienten und Methoden
Teilnehmer an einer kanadisch-australischen longitudinalen Beobachtungsstudie (Concord Health and Ageing in Men Project) im Alter von 70 Jahren und darüber unterzogen sich zu Baseline sowie zwei und fünf Jahre danach der Mini-Mental State Examination (MMSE). Zu diesen Zeitpunkten wurden auch Bestimmungen des Testosterons, des Dihydrotestosterons (DHT), des Estradiols (E2) und des Estrons (E1) mittels Flüssigchromatographie mit Massenspektrometrie-Kopplung durchgeführt. Zusätzlich wurden Sexualhormon-bindendes Globulin (SHBG) und Gonadotropine (FSH, LH) analysiert.
Aktuelle Ergebnisse
Zum Zeitpunkt der Eingangsuntersuchung lag bei 91 Männern Demenz und bei 120 eine leichte kognitive Beeinträchtigung (LKB) vor. Bei 1.313 Männer wurde die Kognition als normal eingestuft. Die mittleren MMSE-Scores zu Baseline (n=853), nach zwei Jahren (n=729) und nach fünf Jahren (n=546) betrugen 28,5±1,3, 28,4±1,7 bzw. 28,1±2,4. Im Kollektiv mit Ausschluss der Demenzkranken hatten 95 Teilnehmer (11%) von Baseline bis fünf Jahre Follow-up signifikante kognitive Einbußen (3 Punkte bei der MMSE). Von diesen Männern erreichten 7% einen MMSE-Score <26.

Die Analyse der Rohdaten ergab einen positiven Zusammenhang zwischen der longitudinalen Veränderung des MMSE Score und dem DHT-Spiegel wie auch jeweils eine negative Assoziation mit FSH und LH. Hingegen zeigten sich für Testosteron, freies Testosteron SHBG, E2 und E1 keine signifikanten Beziehungen. Wurden potenzielle Störfaktoren in multivariater Analyse berücksichtigt, ergab sich bei keiner Assoziation statistische Signifikanz.

Der Zusammenhang zwischen longitudinalen Veränderungen der Testosteron-, DHT-, freiem Testosteron- wie auch E1-Konzentrationen und den veränderten MMSE-Scores von Baseline über zwei- bis fünfjähriges Follow-up war in der multivariaten Analyse (Korrekturen für Alter, Body Mass Index, Rauchstatus, Jahre in Ausbildung und der Geriatric Depression Scale) signifikant. Damit bestand für Männer, deren Spiegel der reproduktiven Hormone über den Fünfjahreszeitraum abnahm, die erhöhte Wahrscheinlichkeit des Verlustes kognitiver Fähigkeiten. Veränderte Konzentrationen der Gonadotropine, von SHBG und E2 waren hingegen keine signifikanten Prädiktoren für kognitiven Abbau.

Die Baseline-Spiegel an Gesamttestosteron und freiem Testosteron unterschieden sich bei Männern mit Demenz und Männern mit normaler Kognition nicht signifikant. Während des Follow-up sank der Spiegel an Gesamttestosteron bei ersteren jedoch deutlich ab (p=0,04), während das errechnete freie Testosteron keine Veränderung aufwies. Der Abfall des Gesamttestosterons bei normaler Kognition und bei LKB unterschied sich nicht signifikant (Abb.1).



Keine unterschiedlichen zeitlichen Veränderungen der anderen untersuchten Hormone DHT, E2 (Abb. 2), E1 und Gonadotropine wie auch SHBG ließen sich zwischen Demenz, LKB und normaler Kognition feststellen.

Schlussfolgerungen
Bei älteren Männern besteht eine longitudinale zeitliche Beziehung zwischen dem Androgen-Status und kognitivem Abbau.

Das Ergebnis wirft die Frage auf, ob verringerte Konzentrationen an Testosteron, freiem Testosteron oder Estron eine Folge der kog­nitiven Einbußen oder deren Ursache sind. Die Autoren favorisieren angesichts des ausbleibenden kognitiven Abbaus bei Patienten mit lebenslangem Hypogonadismus die erstere Ansicht. Andererseits spräche die weite Verbreitung von Androgenrezeptoren im Gehirn für die Beeinträchtigung zerebraler Funktionen bei erniedrigtem Androgenstatus.

   
Literatur:
[1] Ebner NC, Kamin H, Diaz V, et al. 2015. Hormones as “difference makers” in cognitive and socio­emotional aging processes. Front Psychol doi: 10.3389/fpsyg.2014.01595
[2] Hsu B, Cumming RG , Waite LM, et al. 2015. Longitudinal relationships between reproductive hormones and cognitive decline in older men: The Concord Health and Ageing in Men Project. J Clin Endocrinol Metab 100:2223–2230.

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