EAU-Positionspapier:

Rolle des Urologen in der Behandlung des hypogonadalen Mannes mit Testosteron

Hintergrund

Die exorbitante Bedeutung des Sexualhormons Testosteron für den Mann in allen Lebensabschnitten findet ihre Entsprechung in zahlreichen Bereichen der Gesundheit wie insbesondere des sexuellen, körperlichen und allgemeinen Wohlbefindens. Ein niedriger Testosteronspiegel führt zu Einschränkungen der Lebensqualität (verminderte Libido, Sexualstörungen, getrübte Gemütslage), zu physiologischen Beeinträchtigungen (Fertilität, Körperzusammensetzung, Knochenmineralisation) und metabolischen Aberrationen (Veränderungen des Fettstoffwechsels, der körperlichen Aktivität und Funktion).

Zielsetzung
Um die Rolle und die Verantwortlichkeiten des Urologen im Rahmen der Diagnostik und der Testosterontherapie von hypogonadalen Männern zu präzisieren, wurde von einer Arbeitsgruppe (URO-TRAM) der European Association of Urology (EAU) ein Positionspapier unter Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden Daten detailliert ausgearbeitet (Mirone et al. 2017):

Faktenanalyse
Ein sich anbahnender Hypogonadismus macht sich beim Mann vielfach zuerst im Sexualbereich bemerkbar. Bei hypogonadalen Männern mit gestörter Sexualfunktion lässt sich mit einer Testosterontherapie der Sexualtrieb steigern. Aufgrund der Einbindung des Testosterons in die molekularbiologischen Prozesse der erektilen Funktion kann die Behandlung von Erektionsproblemen mittels PDE5-Hemmern durch Testosteronausgleich wirkungsvoll unterstützt werden.

Die Befürchtung, dass sich Symptome des unteren Harntrakts (LUTS) unter einer Therapie mit Testosteron aufgrund Volumenzunahme der Prostata verschlimmern könnten, ließ sich anhand eines systematischen Reviews ausräumen. In Beobachtungsstudien wurde unter langfristiger Testosterontherapie bei geringfügiger Prostatavergrößerung sogar eine Abnahme des IPSS registriert.

Auch wenn nicht alle Facetten der Beziehung zwischen Testosterontherapie und Prostatakrebs aufgeklärt sind, ließ sich in zahlreichen kontrollierten und Beobachtungsstudien bei hypogonadalen Männern unter einer Testosteronsubstitution kein erhöhtes Prostatakrebsrisiko nachweisen. Auch in Prüfungen bei Männern nach kurativer Prostatakrebstherapie wurde bei Behandlung mit Testosteron kein erhöhtes Rezidivrisiko ermittelt.

Irritationen aufgrund widersprüchlicher Analysen zur Verbindung zwischen Testosterontherapie und kardiovaskulären Ereignissen, lenkten die Aufmerksamkeit unlängst erneut auf Sicherheitsaspekte der Testosteronersatztherapie. Diesbezüglich konstatierte die Europäische Arzneimittel-Agentur, dass keine schlüssigen Indizien für erhöhte kardiovaskuläre Risiken unter einer Testosterontherapie vorlägen. Andererseits sollten Hämoglobin- und Hämatokrit-Bestimmungen vor und während der Behandlung mit Testosteron eingehalten werden.

Positionspapier
Anhand der Faktenanalyse hat die EAU ihre Position gegenüber der Behandlung hypogonadaler Männer mit Testosteron in einem Statement präzisiert:

  • Testosteron ist für die Integrität und die Funktionalität verschiedener Systeme und Organe von entscheidender Bedeutung (Reproduktionssystem, Erythropoese, Knochen-, Lipid- und Glukosemetabolismus).
  • Adipositas und schlechte Allgemeingesundheit sind hauptsächliche Ursachen für Late-onset-Hypogonadismus (LOH).
  • Die Therapie mit Testosteron sollte auf Männer mit nachgewiesenem Testosteronmangel und entsprechenden Symptomen beschränkt sein.
  • Testosteronmangel ist mit Anhaltspunkten und Symptomen verbunden, die beim Mann an dessen Differenziertheit und Maskulinität rühren. Daher steht der Urologe in der Pflicht, in seiner beruflichen Ausbildung und Ausübung auf diese Thematik das entsprechende Gewicht zu legen.
  • Testosteron wirkt sich vorteilhaft auf die Sexualfunktion aus und kann die Therapie mit einem PDE5-Hemmer bei Männern mit LOH unterstützen.
  • Männer mit leichten bis moderaten LUTS können mit Testosteron behandelt werden. Bei beträchtlicher Prostatavergrößerung und bei erheblichem Restharn ist Vorsicht geboten.
  • Wünschen Männer den Erhalt der Fertilität, sollten sie darüber aufgeklärt werden, dass die Spermienproduktion unter einer Testosterontherapie beeinträchtigt ist. Diese kann von Oligozoospermie bis zu Azoospermie führen.
  • Die aktuelle Datenlage enthält keine Hinweise auf Zusammenhänge zwischen Testosterontherapie und erhöhtem Risiko, Prostatakrebs zu entwickeln.
  • Sorgfältige Kontrollen mit klinischer Beurteilung sollten gewährleistet sein.
  • Männer mit schwerer chronischer Herzinsuffizient sollten nicht mit Testosteron behandelt werden.
  • Absolute Kontraindikation bei Mammakarzinom
  • Kontraindikation bei erhöhtem Hämatokrit (>54%), wenn die zugrunde liegende Störung nicht zuvor behoben werden kann.
  • Schlussfolgerungen
    Urologen sollten die Fähigkeit besitzen, Erkrankungen in Verbindung mit Hypogonadismus zu erkennen, zu diagnostizieren und zu behandeln. Hierzu ist es unerlässlich, sich die Indikationen und Kontraindikationen einer Therapie mit Testosteron zu vergegenwärtigen.
       
    Literatur:
    Mirone V, Debruyne F, Dohle G, et al. on behalf of the URO-TRAM working group 2017. European Association of Urology position statement on the role of the urologist in the management of male hypogonadism and testosterone therapy. Eur Urol Feb 26, doi: 10.1016/j.eururo.2017.02.022. [Epub ahead of print].

    Mai 2017 Druckversion jfs
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