Hodenfunktion bei Adoleszenten mit Klinefelter-Syndrom mit und ohne Spermiennachweis

Hintergrund

Bei heranwachsenden Männern mit Klinefelter-Syndrom kommt es infolge progressiver testikulärer Degeneration zu Oligozoospermie bzw. Azoospermie und hypergonadotropem Hypogonadismus. Bislang ist jedoch nicht geklärt wie hoch der Anteil Adoleszenter mit Klinefelter-Syndrom ist, bei dem sich in der Pubertät ein Testosteronmangel entwickelt, und bei welchem Prozentsatz der jungen Patienten sich Spermatozoen in der Samenflüssigkeit finden lassen.

Zielsetzung
Diesbezüglich wurde die testikuläre Funktion bei Klinefelter-Patienten während der Pubertät und dem frühen Erwachsenenalter untersucht.

Teilnehmer und Methoden
Aus dem Patientengut der Abteilung für klinische Andrologie des Zentrums für Reproduktionsmedizin und Andrologie der Universität Münster wurden 281 junge Männer (10 bis 25 Jahre alt) mit non-Mosaik-Karyotyp 47,XXX, Klinefelter-Syndrom ohne vorausgegangene Testosteronsubstitution identifiziert. In 130 Fällen standen Samenproben zur Verfügung. Als Vergleichsprobanden dienten 233 altersmäßig übereinstimmende gesunde Kontrollen mit pubertärer Gynäkomastie.

Ergebnisse
Pubertäre Virilisierung, Spermatogenese, Testosteron- und LH-Spiegel

Bei 62% der Klinefelter-Patienten und 85% der Kontrollen kam es bis zum Alter von 15 bis 25 Jahren spontan zur pubertären Virilisierung (Tanner-Stadium IV-V). Dabei überstieg der Testosteronspiegel 10 nmol/l. Allerdings waren die mittleren Testosteronspiegel der Adoleszenten mit Klinefelter-Syndrom, die das Tanner-Stadium IV-V erreichten, signifikant niedriger und die mittleren Luteinisierungshormon (LH)-Spiegel signifikant höher als bei den Kontrollen.

Bei neun der 130 Klinefelter-Patienten fanden sich Spermatozoen in der Samenflüssigkeit. Das Alter dieser jungen Männer lag zwischen 15 und 23 Jahren. Sie hatten mit einer Spermienkonzentration <0,1×106/ml eine schwergradige Oligozoospermie. Alle anderen Patienten waren azoospermisch. Bei 63 Kontrollen, von denen Samenproben vorlagen, erreichte die mittlere Spermienkonzentration 39±36×106/ml.

Bei den neun Klinefelter-Patienten mit Spermatozoen im Ejakulat war der mittlere Testosteronspiegel und der mittlere LH-Spiegel ähnlich hoch wie bei den Patienten mit Azoospermie (10,2±2,7 versus 12,3±5,5 nmol/l bzw. 15,5±7,1 versus 19,3±12,3 U/l). Allerdings war der Testosteronspiegel bei ersteren ausnahmslos ≥7 nmol/l, und bei acht von ihnen lag der LH-Spiegel ≤18 U/l (Abb.). Im Gegensatz dazu lag der Testosteronspiegel bei 28 von 189 Spermatozoen-negativen Adoleszenten mit Klinefelter-Syndrom unterhalb 7 nmol/l. Ferner wurde bei 94 von 189 azoospermischen Klinefelter-Patienten ein LH-Spiegel ≥18 U/l ermittelt.

Der LH-Spiegel reichte bei den Klinefelter-Patienten von 0,1 bis 120 U/l und bei den Kontrollprobanden von 0,1 bis 9,6 U/l. Während der LH-Spiegel bei 84% der Patienten >10 U/l betrug, lag der LH-Wert bei keinem der gesunden Adoleszenten oberhalb der Norm. Bei den Patienten und Kontrollen lag der Testosteronspiegel im Bereich von 0,1 bis 31,2 nmol/l bzw. von 1,4 bis 51,1 nmol/l.

CAG-Repeats im Androgenrezeptor-Gen

Bei den Klinefelter-Patienten unterschied sich die mittlere Anzahl der CAG-Triplettwiederholungen im Androgenrezeptorgen der beiden X-Chromosomen bei den Adoleszenten mit und ohne Spermatozoen in der Samenflüssigkeit nicht (21±1,1 versus 22±0,3).

Im Studienkollektiv waren bei 40 von 281 (14%) Patienten die Hoden bei der Geburt nicht vollständig deszendiert (20 bilateral und 20 unilateral). Das war bei keinem der neun Adoleszenten mit Spermatozoen in der Samenflüssigkeit der Fall.

Schlussfolgerungen
Bei Adoleszenten mit Klinefelter-Syndrom entwickelt sich während der frühen Pubertät ein hypergonadotroper Hypogonadismus. Bei mehr als 60% der Patienten bleibt der Hypogonadismus über das Alter von 15 bis 25 Jahren hinweg kompensiert. Die Testosteronproduktion reicht zur Zustandekommen der spontanen pubertären Entwicklung aus. Spermatozoen in der Samenflüssigkeit kommen selten vor. Ihr Auftreten stand mit einem Testosteronspiegel >7 nmol/l im Zusammenhang. Da die Spermiogenese bei Testosteronsubstitution supprimiert ist, sollte der Einleitung dieser Therapie die Abklärung des Fertilitätsstatus vorausgehen.
   
Literatur:
Rohayem J, Nieschlag E, Zitzmann M, Kliesch S, 2016. Testicular function during puberty and young adulthood in patients with Klinefelter’s syndrome with and without spermatozoa in seminal fluid. Andrology 4:1178-1186.

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