Testosteron und benigne Prostatahyperplasie

Kontext

In den letzten Jahren ist die Verbindung zwischen Testosteron, benigner Prostatahyperplasie (BPH) und Symptomen des unteren Harntrakts (LUTS) in einer Reihe von Untersuchungen beleuchtet worden. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse weisen – entgegen einer zuvor verbreiteten Ansicht – auf die Verbesserung von LUTS unter einer Testosteron-Ausgleichstherapie (TRT) hin – auch wenn Daten mit hohem Evidenzgrad bislang fehlen. Diesbezüglich wurde aktuell eine Übersicht zum gegenwärtigen Verständnis des Zusammenspiels von Testosteron, BPH, LUTS und metabolischem Syndrom zusammengestellt [1].

Testosteronausgleich und benigne Prostatavergrößerung
Daten zur erektilen Komponente in Bezug auf sexuell stimulierte wie auch spontane Erektionen standen aus 24 Studien mit insgesamt 1.473 Teilnehmern zur Verfügung. In der Meta-Regressionsanalyse zeigte sich eine inverse Beziehung zwischen den Baseline-Testosteronspiegeln und dem Effekt der Testosteronsubstitution auf die erektile Funktion. In diesen Studienkohorten bestand dagegen kein Zusammenhang mit dem mittleren Alter der Patienten.
      Zahlreichen Untersuchungen zufolge hat die TRT bei älteren hypogonadalen Männern keine signifikante Auswirkung auf das Prostatavolumen. Als Erklärung für die ausbleibende Wachstumsstimulation der Androgen-abhängigen Prostata bei Zufuhr exogenen Testosterons bietet sich die so genannte Sättigungstheorie an [2]. In ihr wird davon ausgegangen, dass die Prostata gegenüber Konzentrationsveränderungen des Testosterons im Serum innerhalb eines weiten Grenzbereichs relativ insensitiv ist. Dieser Bereich erstreckt sich von mildem Hypogonadismus bis hin zu physiologisch hohen Spiegeln. Entscheidend ist dabei, dass innerhalb des Prostata-Milieus eine Androgenkonzentration vorliegt, bei der alle Androgenrezeptoren abgesättigt sind und somit bereits maximale Androgeneffekte ausgeübt werden. Das ändert sich bei sehr niedrigen Serum-Testosteronspiegeln, wie sie nach Kastration oder unter einer Androgendeprivationstherapie vorliegen.

Testosteronausgleich und LUTS
Auch wenn LUTS weithin als klinische Erscheinungsform einer vergrößerten Prostata und eine dadurch bedingte Blasenauslassobstruktion gelten, ist ihre Ätiologie doch multifaktoriell und nicht krankheitsspezifisch. Zudem hat es sich gezeigt, dass die Schwere von LUTS nicht unbedingt im Zusammenhang mit dem Prostatavolumen steht. Ferner treten LUTS auch bei älteren Männern ohne BPH auf.

Endogenes Testosteron unterstützt die Funktion des unteren Harntrakts. Das spricht dafür, dass Testosteronmangel ein pathophysiologischer Mechanismus sein könnte, durch den LUTS mit metabolischen Störungen in Verbindung stehen [3].

Aus einer Reihe neuerer Untersuchungen geht hervor, dass sich LUTS unter einer TRT nicht verschlechtern [4]: Die retrospektive Durchsicht einer prospektiven Datenbank ergab keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen TRT und International Prostate Symptom Score (IPSS). Dem Anteil Patienten, bei dem sich LUTS unter der TRT verschlechterten stand der gleiche Anteil Männer mit verbesserten LUTS gegenüber. Eine Reihe von Daten weist diesbezüglich sogar auf eine mehrheitliche Besserung von LUTS bei Testosteronausgleich hin.

Metabolisches Syndrom, LUTS und Testosteronausgleich
Über den exakten Mechanismus, der bei Testosteronausgleich zur Besserung von LUTS führt, wird noch debattiert. Im Raum steht dabei auch eine enge Beziehung zum metabolischen Syndrom. Hypogonadismus wird verschiedentlich als ergänzendes klinisches Merkmal des metabolischen Syndroms gewertet. Letzteres spielt auch eine Rolle in der Pathogenese und Progression der BPH und damit assoziierter LUTS.

In einer Kohorte mit 1.224 Polizisten wurden verschiedene urologische Parameter zwischen Männern mit und ohne metabolisches Syndrom verglichen: Mit zunehmender Anzahl der Komponenten des metabolischen Syndroms hatten die Männer einen höheren IPSS, ein größeres Prostatavolumen und ein größeres Restharnvolumen [5].

Jüngst wurde bei einer kleinen Gruppe hypogonadaler Männer mit metabolischem Syndrom nachgewiesen, dass sich LUTS durch eine TRT über fünf Jahre verbessern/stabilisieren lassen [6]. Dabei ergaben sich gegenüber angepassten Kontrollen, bei denen aus unterschiedlichen Gründen der Testosteronausgleich nicht durchgeführt werden konnte, keine Unterschiede bezüglich IPSS, Restharnvolumen oder Prostatagröße (Abb.). Bei den mit Testosteron substituierten Männern traten seltener Episoden mit Prostatitis auf als bei den unbehandelten Kontrollen. Zudem kam es zu Verbesserungen einiger Komponenten des metabolischen Syndroms.


Schlussfolgerungen
Zwischen dem Serum-Testosteronspiegel und dem Prostatavolumen besteht bei eugonadalen Männern keine Korrelation. Demzufolge werden bei hypogonadalen Männern unter einer Testosteronausgleichstherapie (TRT) keine signifikanten Veränderungen der Prostatagröße registriert. In einer Reihe retrospektiver und kleinerer randomisierter Studien wird nachgewiesen, dass sich LUTS unter einer TRT nicht verschlechtern sondern eher eine Besserung eintritt Das steht in gewisser Weise im Widerspruch zu den Richtlinien der European Association of Urology (EAU), die ein Testosteronsubstitution bei Patienten mit schweren LUTS (IPSS >21) als kontraindiziert ausweisen.
   
Literatur:
[1] Jarvis TR, Chughtai B, Kaplan SA, 2015. Testosterone and benign prostatic hyperplasia. Asian J Androl 17:212-216. [2] Morgentaler A, Traish AM, 2009. Shifting the paradigm of testosterone and prostate cancer: the saturation model and the limits of androgen-depen­dent growth. Eur Urol 55:310-321.
[3] Chang IH, Oh SY, Kim SC, 2009. A possible relationship between testosterone and lower urinary tract symptoms in men. J Urol 182:215-220.
[4] Pearl JA, Berhanu D, François N, et al. 2013. Testosterone supplementation does not worsen lower urinary tract symptoms. J Urol 190:1828-1833
[5] Park YW, Kim SB, Kwon H, et al. 2013. The relationship between lower urinary tract symptoms/benign prostatic hyperplasia and the number of components of metabolic syndrome. Urology 82:674-679.
[6] Francomano D, Ilacqua A, Bruzziches R, et al. 2014. Effects of 5-year treatment with testosterone undecanoate on lower urinary tract symptoms in obese men with hypogonadism and metabolic syndrome. Urology 83:167-173.

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